Dezember 18, 2019 4:30 pm

„Schuldscheine werden noch nicht gehandelt wie andere Kreditformen“

Der Handel mit Schuldscheindarlehen steckt noch in den Kinderschuhen, doch die Transaktionen nehmen zu. Warum sich doch immer mehr Investoren von ihren Engagements trennen, wie der Verkauf der Schuldscheine über einen Zweitmarkt wie Debitos abläuft und welche Dokumente dafür wichtig sind, erläutern Peter Riedel und Artur Kozlowski im zweiten Teil des Schuldschein-Interviews.

Zum ersten Teil des Interviews geht es hier.

 

Wer trennt sich aktuell von Schuldscheinen – und warum?

Peter Riedel: „Bei den Sparkassen entwickelt sich langsam, aber sicher die Bereitschaft, Schuldscheindarlehen zu verkaufen. Wir können bisher aber noch nicht von einem Paradigmenwechsel sprechen. Wir haben noch nicht die Situation, dass Schuldscheindarlehen gehandelt werden wie andere Kreditformen. Da ist gerade auf Verkäuferseite noch eine Menge Zurückhaltung.“

Artur Kozlowski: „Wir dürfen nicht vergessen woher wir kommen: Schuldscheindarlehen wurden in der Vergangenheit überhaupt nur in Form einer Rückgabe an die emittierende Landesbank übertragen. Ansonsten hielt man als Investor die Forderung bis zur Rückzahlung am Ende der Laufzeit. Das war das bisherige Vorgehen.“

Peter Riedel: „Die Schwierigkeiten beispielsweise bei den Darlehen von Carillon, Steinhoff und Gerry Weber haben aber gezeigt, dass auch die Kreditnehmer von Schuldscheindarlehen den Marktgegebenheiten unterliegen und in eine Notlage geraten können – mit den bekannten Konsequenzen. Die Investoren, die ihr Portfolio und den Markt aktiv betrachten, beginnen sich nun von den ersten Titeln zu trennen.“

 

Artur Kozlowski

Werden momentan Schuldscheine bestimmter Branchen oder Unternehmen verkauft?

Peter Riedel: „Wir haben in der jüngeren Vergangenheit in einigen Branchen Schwierigkeiten unterschiedlicher Natur gesehen. Dazu gehören im Wesentlichen die Bereiche Automotive, Textil und auch alternative Energien. Aber auch andere Branchen sind betroffen. Aber nicht falsch verstehen: In den eben genannten Bereichen gibt es nach wie vor viele sehr gesunde Unternehmen, die gegen den allgemeinen Trend sehr gute wirtschaftliche Ergebnisse erzielen.“

Artur Kozlowski: „Über einen Zweitmarkt werden ja auch nicht nur Schuldscheine verkauft, die ein Risiko darstellen – ganz im Gegenteil. Ein Zweitmarkt ist ein wichtiges Tool für eine aktive Portfoliosteuerung. Und er kommt auch den Investoren zugute, die ihr Portfolio weiter mit solchen Anlagen ergänzen möchten. Über einen Zweitmarkt können Investoren Titel erwerben, die sie über ihre eigene Kreditvermittlung nicht in dem Maße generieren können.“

 

„Sekundärmärkte sind auch an kleinere Institute gerichtet, die keinen direkten Zugang zu den internationalen Investoren haben.“ – Artur Kozlowski

 

Wie läuft der Verkauf ohne einen Zweitmarkt wie Debitos?

Artur Kozlowski: „Wie Peter eben schon gesagt hat, können wir bisher noch nicht von einem boomenden Markt sprechen, auf dem viele Akteure auf Käufer- und Verkäuferseite aktiv sind. Aktuell ist der Handel eher eingeschränkt möglich. Ein solches Darlehen wird ohne Zweitmarkt dem eigenen Netzwerk angeboten. Investmentbanken sind hier und da Ansprechpartner und haben gegebenenfalls Angebotspreise, die sie vorhalten. Ansonsten haben wir den Eindruck, dass ein Marktplatz, wie ihn Debitos zur Verfügung stellt, eine Bereicherung für diesen bisher noch eher kleinen Markt darstellt. Das hören wir auch immer wieder in Gesprächen mit potenziellen Partnern. Solche Markplätze und Sekundärmärkte sind auch an kleinere Institute gerichtet, die keinen direkten Zugang zu den internationalen Investoren haben. Für diese stellt Debitos einen zusätzlichen Vertriebskanal dar, über den sie beispielsweise auch kleinere Sparkassen erreichen. Diese Investoren fürchten keine Konkurrenz seitens Debitos sondern arbeiten mit uns gemeinsam an der Standarisierung der Prozesse. Letztendlich profitieren sie auch davon, wenn mehr Angebote am Markt sind.“

 

Peter Riedel

Wie funktioniert der Verkauf eines Schuldscheins über Debitos?

Peter Riedel: „Meistens geht es damit los, dass wir ein kostenfreies ‚Market sounding‘ durchführen, also einen unverbindlichen Marktpreis ermitteln. Wir machen dazu eine anonymisierte Kurzumfrage bei unseren Investoren, was sie für ein entsprechendes Darlehen zu zahlen bereit wären. Mit dem ermittelten Preis können dann die Verkäufer intern die Entscheidung treffen, ob sie den Verkauf tätigen wollen oder nicht. Nicht alle Teilnehmer am Zweitmarkt, die in Schuldscheindarlehen investieren wollen, haben aber bereits detaillierte Kenntnisse über die jeweiligen Unternehmen. Deshalb ist es ratsam, wenn die Verkäufer Jahresabschlüsse und, wenn vorhanden, Quartalszahlen zur Verfügung stellen. Um Einsicht nehmen zu können, ist jeweils zunächst eine Verschwiegenheitserklärung abzugeben. Dann erfolgt über eine Auktion die Ermittlung des Bestbieters.“

 

 

„Es ist absolut essenziell, dass der Verkäufer den potenziellen Käufern alle Dokumente zur Verfügung stellt, die für eine Entscheidung von Bedeutung sein könnten.“ – Peter Riedel

 

Von den Dokumenten hängt also entscheidend ab, ob und wie erfolgreich ein Schuldschein auf dem Zweitmarkt verkauft werden kann?

Peter Riedel: „Definitiv. Dass sich ein Investor bereits externe Informationen über das Unternehmen besorgt hat, dessen Darlehen zum Kauf angeboten wird, ist eher selten. Von daher ist es absolut essenziell, dass der Verkäufer den potenziellen Käufern alle Dokumente zur Verfügung stellt, die für eine Entscheidung von Bedeutung sein könnten. Der Investor benötigt einfach einen Überblick über die aktuelle wirtschaftliche Situation des Kreditnehmers: Die letzten beiden Jahresabschlüsse, die Quartalsberichte, gegebenenfalls die EBIL-Auswertung und eventuelle Gutachten zu möglichen Restrukturierungen, die im Unternehmen laufen.“

Artur Kozlowski: „Auf Verkäuferseite herrscht bisher noch Unsicherheit, welche Unterlagen sie überhaupt zur Verfügung stellen dürfen. Woran wir momentan aktiv arbeiten, sind standardisierte NDAs, die die potenziellen Vertragspartner vor der Akteneinsicht unterschreiben. Wir sind dazu auch gerade im Austausch mit verschiedenen Verbänden im Banken- und Sparkassenbereich, die  ja auch ein Interesse daran haben, ihren Instituten den Verkauf über Zweitmärkte zu erleichtern.“

Peter: „Was wir in diesem Bereich benötigen, sind einheitliche Transaktionsdokumente. Das würde den Prozess erheblich verkürzen und die Bindung von Ressourcen auf beiden Seiten reduzieren. Nehmen wir nur die Vertraulichkeitsvereinbarung. Manche Sparkassen verfügen über kein eigenes Vertragsmuster. Andere haben ein eigenes, das aber am Markt eigentlich keine Verwendung findet. Fast immer aber fehlt eine englische Version – und das trotz der gewachsenen Internationalität dieses Marktes. Die Folge ist, dass viele potenzielle Investoren keine Einigung mit den Sparkassen erzielen, wie dieses im Vorfeld erforderliche Dokument  gestaltet sein soll. Daraus folgt, dass sie als Investoren nicht in Betracht kommen. Das reduziert die Liquidität in dem von den Sparkassen gewünschten Sekundärmarkt für Schuldscheindarlehen.“

Artur: „Da spricht Peter einen ganz wichtigen Punkt an. Viele der Investoren, die an solchen Positionen interessiert sind, kommen aus dem englischsprachigem Raum. Dank der Standarisierung der Verträge wird es keine sprachlichen Barierren mehr geben und den Verkäufern somit ein viel breiteres Spektrum an potentiellen Investoren zur Verfügung stehen. Infolgedessen können bessere Preise erzielt werden. Wir hoffen damit, auch den kleineren Instituten den Weg für einen schnellen und einfacheren Verkauf zu ebnen.“

 

Welche Investoren interessieren sich aktuell für Schuldscheine?

Peter Riedel: „Investoren die am Erstmarkt aktiv sind, haben auch Interesse an einem Zweitmarkt. Wir sehen ja aktuell ein eher unsicheres konjunkturelles Umfeld und in der Regel nur unzureichende Zinsabdeckung dieser Risiken. Auch deshalb wollen sich manche Investoren in Schuldscheine nicht so lange binden. Normalerweise läuft eine solche Investition mindestens sechs bis acht Jahre, Schuldscheine mit kürzeren Laufzeiten findet man eigentlich nur am Zweitmarkt. Auch Kapitalanlagegesellschaften sind sehr interessiert. Ihre Renditeerwartung kann möglicherweise schon durch den gezahlten Kupon befriedigt sein – ergänzt durch einen geringen Discount beim Kaufpreis.“

 

Welche Preise werden mit Schuldscheinen denn aktuell erzielt?

Artur Kozlowski: „Das ist ganz unterschiedlich. Grundsätzlich gilt: Je besser die Bonität des Unternehmens, umso höher der Erlös. Aber natürlich spielt auch die Verzinsung des Darlehens eine Rolle. So können Kaufpreise auch durchaus über dem ursprünglichern Ausgabepreis des Schuldscheins liegen.“

Dieser Artikel wurde verfasst von Jens Secker

(Bildrechte: istockphoto.com/scyther5)

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