November 6, 2019 2:05 pm

„Der Schuldscheinmarkt wird immer digitaler“

Immer mehr internationale Unternehmen haben den Schuldschein als Finanzierungsmittel für sich entdeckt. Wie sich der Markt in den vergangenen Jahren verändert hat und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt, erklären Peter Riedel und Artur Kozlowski von Debitos im Interview.

 

Früher waren Schuldscheine vorrangig ein „deutsches Produkt“ – sowohl bei den Emittenten als auch bei den Investoren. Mittlerweile sind immer mehr europäische Player beteiligt. Täuscht diese Einschätzung?

Peter: Nein, das täuscht überhaupt nicht. Die Internationalisierung des Schuldscheinmarktes ist deutlich zu beobachten. Von den insgesamt 139 Transaktionen ist 2018 jedes dritte Schuldscheindarlehen an ein ausländisches Unternehmen in Europa gegangen. Das war absoluter Rekord.

Artur: 2019 läuft es gerade so weiter. Im bisherigen Verlauf dieses Jahres ist schon die Hälfte der begebenen Schuldscheine ins Ausland gegangen. Auch der außereuropäische Markt beginnt sich immer mehr dafür zu interessieren. Im ersten Halbjahr 2019 haben wir mit einem chinesischen und einem indischen Unternehmen sogar schon die ersten asiatischen Transaktionen gesehen.

 

Peter Riedel

Rund 13 Milliarden Euro wurden im ersten Halbjahr am Schuldscheinmarkt platziert. Wie seht Ihr den Markt aktuell?

Peter: Das Schuldscheindarlehen ist für Unternehmen im Moment sehr beliebt, denn das Investoreninteresse ist aufgrund des bestehenden Zinsniveaus so hoch wie nie. Das macht auch große Volumina möglich. Was wir auch beobachten: Die klassischen Arrangeure wie LBBW oder BayernLB bekommen zunehmend Konkurrenz. Besonders die Raiffeisenbank International aus Österreich und die ING Diba sind mittlerweile vermehrt in diesem Marktsegment aktiv.

 

Wer ist in Deutschland vorrangig in Schuldscheinen investiert und warum?

Artur: Die wesentlichen Investoren sind die Sparkassen und Raiffeisenbanken, aber auch Versicherungen und Pensionsfonds. Das Interesse hat mehrere Gründe: Zum einen sorgen die Arrangeure für eine stringente Bonitätsauslese. Das führt dazu, dass der weitaus größte Teil der Unternehmen mit Investmentgraden geratet ist. Zum anderen besitzen die Schuldscheindarlehen nach wie vor das Privileg, dass sie nach fortgeführten Anschaffungskosten bilanziert werden können.

 

„Die Insolvenzen von Carillon und Gerry Weber sowie die Krise bei Steinhoff haben gezeigt, dass es ein gesteigertes Marktrisiko gibt.“ – Peter Riedel

 

Artur Kozlowski

Die Zahl der vergebenen Schuldscheindarlehen nimmt immer weiter zu. Leidet darunter die Qualität der Investments?

Peter: Der Schuldscheinmarkt ist 2019 sehr gut gestartet mit 88 Emissionen im ersten Halbjahr. Wenn es so weitergeht wie bisher, wird das Vorjahr zumindest in Bezug auf die Transaktionen übertroffen. Daran haben augenscheinlich die ausländischen Kreditnehmer einen wesentlichen Anteil. Man kann aber nicht automatisch durch die erhöhte Anzahl auf eine geringere Qualität der Investments schließen. Dennoch haben die Insolvenzen von Carillon und Gerry Weber sowie die Krise bei Steinhoff gezeigt, dass es ein gesteigertes Marktrisiko gibt. Das wird sich zukünftig in den Risikoaufschlägen bemerkbar machen. Auch werden wir strengere Kreditkonditionen sehen.

Artur: Ein Sekundärmarkt wie wir ihn mit Debitos anbieten, steigert die Flexibilität der Investoren – das kann absolut nützlich sein. Gerade die ausländischen Investoren teilen die in Deutschland bisher übliche Buy and Hold-Strategie bei Schuldscheininvestitionen nicht. Sie wollen ihr Portfolio anpassen, wenn es sinnvoll ist. Das sollte im Übrigen auch für deutsche Investoren nicht anders sein.

 

Die Deutsche Telekom hat im Februar 2018 einen 50-Millionen-Euro-Schuldschein über die digitale Emissionsplattform Credx platziert. Der österreichische Stromkonzern Verbund nutzte nur zwei Monate später die Plattform VC Trade in Zusammenarbeit mit der Helaba für einen 100 Millionen Euro Deal. Dazu kommt Debitos als Online-Zweitmarkt. Täuscht das oder wird der Schuldscheinmarkt immer digitaler?

Artur: Der Markt wird definitiv digitaler – und die Tech-Unternehmen, die Du genannt hast, sind ja nur eine kleine Auswahl der Unternehmen, die den Markt digitaler machen. Hier passiert viel im Arrangieren und Vertreiben von Schuldscheindarlehen. Ich denke aber, dass man gerade bei größeren Emissionen an den Banken erst einmal nicht vorbeikommt. Hier spielt das Vertrauen eine maßgebliche Rolle. Anders sieht es beim Vertrieb aus. Hier wird wohl bald der standardisierte Ansatz den manuellen ersetzen.

Peter: Wir von Debitos wollen den Finanzinstituten die Möglichkeit geben, innerhalb kürzester Zeit bei Bedarf Positionen zu verkaufen. Angesichts der drohenden Konjunkturabschwächung in Deutschland wird das Thema von den Prüfern thematisiert und nach Szenarien für schnelle Verkaufsoptionen zum bestmöglichen Preis gefragt. Hier können wir unterstützen.

 

Teil zwei des Interviews folgt in Kürze.

Dieser Artikel wurde verfasst von Jens Secker

(Bildrechte: istockphoto.com/MF3d)

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