Juni 4, 2020 11:13 am

„Die Coronafolgen treffen die Banken erst mit Zeitverzögerung“

Axel Wieandt sitzt im Debitos-Beirat und lehrt an der Wirtschaftsuniversität WHU Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Im Handelsblatt-Interview spricht der ehemalige CEO der Hypo Real Estate über die Risiken für das Finanzsystem in Folge der Coronakrise und den Abbau ausfallgefährdeter Kredite. Axel Wieandt…

…die Auswirkungen der Coronakrise: „Ich fürchte, dass die Folgen der Pandemie für die Stabilität des Finanzsystems unterschätzt werden. Erst einmal wird die Coronakrise die Realwirtschaft treffen, danach dann aber auch die Banken. Auch in der Finanzkrise vor zwölf Jahren hat sich erst im Laufe der Zeit gezeigt, wie schwerwiegend die Schäden für die Realwirtschaft wirklich waren. Dieses Mal dürfte der Schock noch größer ausfallen als 2008/2009, weil anders als damals die Krise auch Asien trifft.“

…über die Folgen für die Banken: „Die Coronafolgen treffen die Banken erst mit Zeitverzögerung. Ab dem Herbst könnte eine Welle von Insolvenzen und Kreditausfällen die Bilanzen schwer belasten. Auf ein Ausnahmeereignis wie die Coronakrise ist die Branche nicht vorbereitet, weil eine Pandemie für das Risikomanagement keine Rolle gespielt hat. Die Banken, vor allem die europäischen, sind aber auch durch zehn Jahre Niedrig- und Minuszinsen geschwächt. Eigentlich hätten die Banken in den vergangenen Jahren noch deutlich mehr Eigenkapital aufbauen müssen, um auf eine derart schwere Krise vorbereitet zu sein.“

…über die Rolle der EZB: „Die Europäische Zentralbank hätte stärker auf den Abbau der ausfallgefährdeten Kredite drängen sollen. Auf diesem Gebiet ist zwar einiges passiert, aber die europäischen Banken haben noch immer rund 500 Milliarden Euro an so genannten Non Performing Loans in ihren Büchern. Außerdem hätte die EZB mehr Abwicklungen und Übernahmen in der Branche forcieren sollen. Dann gäbe es heute weniger schwache Banken in Europa, und die Gefahr wäre geringer, dass das Misstrauen gegen schwächere Geldhäuser auch stärkere Institute ansteckt.“ Handelsblatt (Paywall)

Dieser Artikel wurde verfasst von Jens Secker

(Bildrechte: istockphoto.com/jotily)

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