{"id":15504,"date":"2018-08-14T16:22:49","date_gmt":"2018-08-14T14:22:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.debitos.com\/?p=15504"},"modified":"2018-08-14T16:22:49","modified_gmt":"2018-08-14T14:22:49","slug":"wie-europas-wirtschaft-zombifiziert-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/news\/wie-europas-wirtschaft-zombifiziert-wird\/","title":{"rendered":"Wie Europas Wirtschaft zombifiziert wird"},"content":{"rendered":"<p>Eine Gastkolumne von Dr. Markus Krall, Managing Director von <a href=\"https:\/\/www.goetzpartners.com\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">goetzpartners<\/a><\/p>\n<p>Haben Sie schon mal einen faulen Apfel in eine Kiste mit frischen \u00c4pfeln gelegt und darauf gehofft, dass die gesunden \u00c4pfel den faulen mit ihrer Frische anstecken und so wieder essbar machen werden? Nein? Sollten Sie mal versuchen, das ist ein lehrreiches Experiment. Wenn es schiefgeht, wiederholen Sie es einfach solange bis es klappt und dann rufen Sie mich an. Der Nobelpreis wartet.<\/p>\n<p>Diese Logik kommt Ihnen zu Recht absurd vor, jedenfalls nehme ich das an. Einstein sagte einmal, immer wieder das Gleiche zu tun und dann jedes Mal ein anderes Ergebnis zu erwarten, sei die Definition von Wahnsinn. Das trifft es.<\/p>\n<p>Da fragt man sich doch, warum wir genau diese Logik in unserer Geld- und Wirtschaftspolitik anwenden mit dem bedauerlichen Ergebnis, dass der faule Apfel seine F\u00e4ulnis \u00fcber die ganze Obstkiste ausbreiten kann. Denn genau so verfahren wir, indem wir die gescheiterte Politik der Verschuldung immer weiter fortsetzen und zu immer neuen H\u00f6hen treiben. Verschuldung und mit ihr die ungesunde Ausdehnung der Geldmenge zur Schaffung gigantischer Verm\u00f6genswertblasen lag der Krise 2007\/08 zugrunde. Was war unsere L\u00f6sung, als es knallte? Mehr Verschuldung. Kann man sich eigentlich nicht ausdenken. Genau mein Humor.<\/p>\n<p>Seit Ausbruch der Eurokrise 2009\/10 hat die Europ\u00e4ische Zentralbank dieses Spiel mit neuen Volten, Varianten und Gr\u00f6\u00dfenordnungen auf eine neue Spitze getrieben. In ihrem von Keynesianischer Wissensanma\u00dfung getriebenen Glauben, alles \u201eheilen\u201c zu k\u00f6nnen indem Sie mit immer niedrigeren Zinsen irgendwie die Investitionsnachfrage ankurbelt und so die Wirtschaft schneller wachsen k\u00f6nnte, als die Schulden hat Sie mit einem gigantischen Ankaufprogramm von Staatsanleihen den Zins, den wichtigsten Preis einer freien Marktwirtschaft, aus seiner Existenz herausmanipuliert.<\/p>\n<p>Heute betr\u00e4gt der Zins praktisch \u00fcber die gesamte Laufzeit der Strukturkurve Null oder nahe Null.<\/p>\n<p>Der makro\u00f6konomische Planungswahn hat aber nicht das Ergebnis gezeitigt, den man sich erhofft hatte. Das Wachstum bleibt an\u00e4misch, auch wenn die EZB die zwei Prozent, die wir letztes Jahr angeblich gesehen haben als Erfolg feiert. Zwei Prozent sind aber angesichts der digitalen Revolution, die uns einen Produktivit\u00e4tsfortschritt von ca. 5% pro Jahr bescheren sollte, nachgerade l\u00e4cherlich wenig. Ber\u00fccksichtigt man den Umstand, dass auch die Besch\u00e4ftigung um 2% gestiegen ist, so folgt ein Produktivit\u00e4tswachstum von Null. Das ist bemerkenswert und die EZB kann das nicht erkl\u00e4ren, sie kann es nur ignorieren, was sie dann auch prompt tut.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, warum das passiert. Und die Antwort ist: Der Nullzins steuert eine immer gr\u00f6\u00dfere Menge der investiv verf\u00fcgbaren Mittel in schlechte Investitionen, genauso wie es die von Mises formulierte \u00f6sterreichische Konjunkturtheorie voraussagt. Ineffiziente, unproduktive, schlecht verwaltete Unternehmen m\u00fcssen auf ihre unwirtschaftlichen Investitionen keine Kapitalkosten mehr verdienen. Damit \u201elohnen\u201c sich auch solche Investitionen, die man in einem normalen, nicht manipulierten Zinsumfeld nicht bei klarem Verstand t\u00e4tigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Diese Unternehmen w\u00fcrden in einer vom marktwirtschaftlichen Ausleseprozess gesteuerten Welt von ihren Fehlentscheidungen in den Abgrund gerissen werden. Ihre Unf\u00e4higkeit, marktgerechte Kapitalkosten zu erwirtschaften w\u00fcrde den Konkurs nach sich ziehen. Dass das nicht mehr passiert, erkennt man an den seit Beginn der Krise 2007 kontinuierlich fallenden Ausfallraten von Unternehmen in Europa. Bewegten sich diese zuvor jahrzehntelang zyklisch um einen Korridor von 1,5 \u2013 2%, sind sie mit Einf\u00fchrung stetig fallender, auf null und sogar unter null gedr\u00fcckter Zinsen ebenfalls gefallen. Zurzeit betr\u00e4gt die Ausfallrate nur noch ein halbes Prozent.<\/p>\n<p>Summiert man die Differenz zwischen den Unternehmen, die in einem normalen Ausleseprozess h\u00e4tten Pleite gehen sollen und denen, die das auch wirklich getroffen hat \u00fcber diese 10 Jahre auf, so stellt man fest, dass sie sich mittlerweile auf gut 10% aller Unternehmen akkumuliert haben. Und weil der Nullzins auch die Kennzahlen der internen Ratings der Banken systematisch verzerrt, erkennen die Risikomesssysteme der Kreditinstitute diese Kandidaten nicht oder nur in ungen\u00fcgender Weise. So gelingt es ihnen, fehlenden echten Cash-Flow mit immer mehr Krediten zu substituieren, die ihnen die ertragshungrigen Banken auch dankbar anbieten. Der Anteil dieser Unternehmen am Kreditvolumen der Banken d\u00fcrfte daher \u00fcberproportional hoch sein.<\/p>\n<p>Ich nenne diese Unternehmen, die eigentlich tot sind, aber noch scheinbar lebendig ihre Kreditnachfrage entfalten, Zombies. Sie sind die faulen \u00c4pfel, die die ganze Kiste unserer Marktwirtschaft anstecken. Die an sie ausgereichten Kredite sind im Falle einer Zinswende oder eines anderen gesamtwirtschaftlichen Belastungstests hochgradig ausfallgef\u00e4hrdet. \u00dcber kurz oder lang wird ihre Pleite nachgeholt werden. Die in ganz Europa daraus resultierenden Verluste aus einer Welle an Zombiepleiten d\u00fcrften zwischen 1.000 und 1.500 Milliarden Euro liegen. Das entspricht dem Eigenkapital des Bankensystems. Um es zu rekapitalisieren, wenn man wartet bis der Unfall eintritt wird diese Summe aber nicht reichen. Die Erfahrung von 2008 hat gezeigt: Liegt das Kind erst mal im Brunnen braucht man die Zwei- bis Dreifache Summe, um das Vertrauen der Marktteilnehmer wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Damit aber nicht genug. Die jedes Jahr um 1 \u2013 1,5% aller Unternehmen steigende Anzahl von Zombieunternehmen zerst\u00f6rt auch das Produktivit\u00e4tswachstum. Sie sind ineffizient und unproduktiv, binden aber einen stetig steigenden Anteil an Kapital und Humankapital in diesen unsinnigen Verwendungen. Das ist die tiefere Ursache daf\u00fcr, dass wir trotz digitaler Revolution kein gesamtwirtschaftliches Produktivit\u00e4tswachstum mehr sehen.<\/p>\n<p>Diese Unternehmen stehen zudem im Wettbewerb mit gesunden Unternehmen, deren Marktchancen und Profitabilit\u00e4t durch diese marktfremde, weil vom Nullzins subventionierte Konkurrenz beeintr\u00e4chtigt werden. So werden gesunde \u00c4pfel von den faulen \u00c4pfeln angesteckt. Die Aufgabe der Schumpeter`schen kreativen Zerst\u00f6rung ist es, die faulen \u00c4pfel auszusortieren und so Ressourcen von schlechten in gute, produktive Verwendungen zu steuern. Das findet im Nullzins nicht mehr statt.<\/p>\n<p>Diese Zerst\u00f6rung der produktiven Basis infiziert \u00fcber die Banken das Finanzsystem und \u00fcber das EZB-Zahlungsverkehrssystem Target-2 die Bilanzen der am Eurosystem beteiligten Zentralbanken. In der Diskussion um die 1.000 Milliarden Euro Target-Salden der Bundesbank wird dieser entscheidende Aspekt meistens \u00fcbergangen oder \u00fcbersehen: Die Target-Kredite der Bundesbank an die EZB werden an Banken in Italien, Frankreich und Spanien ausgereicht, die diese Mittel auf der anderen Seite ihrer Bilanz in Form von Krediten ausreichen. Die Bilanzen der Banken sind also am Ende der Zahlungskette des Eurosystems die \u201eSicherheit\u201c, die die prinzipielle R\u00fcckzahlbarkeit der Target-Salden sicherstellen soll. Sind diese Kredite aber nicht werthaltig, dann fu\u00dft die gesamte Kreditpyramide von den Unternehmen \u00fcber die Banken zur nationalen Zentralbank und schlie\u00dflich zur EZB auf dem leeren Versprechen nicht mehr gegebener Unternehmensbonit\u00e4t.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass die vom manipulativen Nullzins zerst\u00f6rte Bonit\u00e4t des Europ\u00e4ischen Unternehmenssektors \u00fcber die Haftungskette zu ihrem Verursacher, der Zentralbank, zur\u00fcckkehrt. Sie erschie\u00dft sich quasi von hinten durch die Brust ins linke Auge. Auch das muss man erst mal hinbekommen.<\/p>\n<p>Das Virus des Nullzinses zombifiziert erst die Unternehmen, dann die Gesch\u00e4ftsbanken, dann die nationalen Zentralbanken des Eurosystems und schlie\u00dflich die EZB selbst. Damit wird auch der Euro zum Zombie.<\/p>\n<p>Die Planwirtschaft kann viele Formen annehmen. Das sowjetische Modell zerst\u00f6rte Fortschritt und Produktivit\u00e4t durch Mikroplanung mit Gosplan. Das EZB-Modell zerst\u00f6rt Fortschritt und Produktivit\u00e4t durch eine neue Form der Planwirtschaft, bei der die Intervention der B\u00fcrokratie die Kreditvergabe fehlsteuert. Das Ergebnis wird das gleiche sein: Eine gesellschaftliche Zerr\u00fcttung epochalen Ausma\u00dfes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Gastkolumne von Dr. Markus Krall, Managing Director der Unternehmensberatung goetzpartners.","protected":false},"author":13,"featured_media":15507,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-15504","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15504"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15626,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15504\/revisions\/15626"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15507"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.debitos.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}