November 25, 2020 3:55 pm

„Steuerzahler müssten für Kreditausfälle in anderen Ländern aufkommen“

In Europa wird aktuell nach wie vor über eine europäische Bad Bank diskutiert. Im Interview erklärt Debitos-CEO Timur Peters, warum er den Vorschlag von EZB-Chefaufseher Andrea Enria kritisch sieht, wie der Kreditmarkt aktuell durch die zweite Corona-Welle kommt und wie es auf europäischer Ebene in Bezug auf NPL-Transaktionsplattformen weitergeht.

 

EZB-Chefaufseher Andrea Enria macht nach wie vor Werbung für eine europäische Bad Bank. Was hältst Du von seinem Vorschlag?

Ich denke, dass eine europäische Bad Bank zwar eine schnelle, aber für den Steuerzahler sicherlich nicht die beste Lösung ist. Die Probleme wären so kurzfristig aus den Bilanzen, die Transferpreise sind aber oft nicht marktkonform. Zudem hat Jeder mittlerweile die Vor- und Nachteile von Bad-Bank-Modellen gesehen. Beispielsweise können die Garantiegeber nach einer gewissen Zeit immer wieder zur Kasse gebeten werden. Wenn die Garantien auf europäischer Ebene vergemeinschaftet werden, wie Andrea Enria vorschlägt, sind wir genau bei dem Szenario, das Länder wie Deutschland vermeiden wollen. Nämlich dass Steuerzahler für Kreditausfälle in anderen Ländern aufkommen müssten. Bei regionalen, staatlichen Lösungen ist das auch nicht anders, aber den Menschen ist eine Solidarität mit den Geldinstituten im eigenen Land einfacher zu vermitteln.

 

Wie kommt der Vorschlag von Enria bei den Marktteilnehmern an?

Timur Peters

Ich habe von vielen Marktteilnehmern gehört, dass Andrea Enria wohl relativ schnell gemerkt hat, dass die europäische Garantie auch bei einem Netzwerk von Bad Banks nicht auf viel Gegenliebe stößt. Er hat in einigen Interviews erklärt, dass er sich vorstellen kann, dass im Falle einer Garantiebeanspruchung, dann doch nur das Land lokal haftet. Die Details dieser Ausgestaltung bleiben aber nach wie vor unklar.

 

Versetzt die jetzt bevorstehende zweite Welle den NPL-Markt wieder in eine Art Schockstarre, die man ja im Frühjahr 2020 deutlich beobachten konnte?

Nein. Es gibt zwar weiterhin ein reduzierteres Handelsvolumen, aber die Investoren können mit den Auswirkungen bereits kalkulieren und sie in ihre Rechenmodelle einbeziehen. Da spielen kleine Lockdowns keine so große Rolle mehr. Auf der Debitos-Plattform wurden im November beispielsweise auch keine Transaktionen diesbezüglich ausgesetzt, so wie wir es im Frühjahr noch erlebt haben.

 

Welche Maßnahmen werden in den verschiedenen europäischen Ländern ergriffen, um die Folgen der Coronakrise abzufedern?

In fast allen Ländern wurden Zahlungsmoratorien eingeführt und Insolvenzantragspflichten ausgesetzt. Auch Überbrückungskredite beziehungsweise Zuschüsse und Kurzarbeit waren und sind Maßnahmen. Darüber hinaus arbeiten Länder wie Deutschland beispielsweise konkret an einer gesetzlichen Umsetzung der europäischen Restrukturierungsrichtlinie zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts (SanInsFoG), das am 1. Januar 2021 in Kraft treten soll. Das würde natürlich eine Insolvenzwelle der Unternehmen erst mal in neue Kanäle verschieben.

 

Du warst vor wenigen Wochen auch am Roundtable der Europäischen Kommission beteiligt, bei dem es um den schnellen Abbau von NPLs ging. Was sind hier die nächsten Schritte?

So wie uns mitgeteilt wurde, hat die EU-Kommission die Ergebnisse des Roundtables Anfang Oktober mit den Finanzministern der Länder besprochen. Das soll jetzt weiter ausgearbeitet werden. Im Januar 2021 soll voraussichtlich ein weiterer Roundtable dazu stattfinden, im Rahmen dessen den Teilnehmern hoffentlich konkrete Umsetzungspläne vorgelegt werden. Wir werden sehen, ob es so kommt.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Timur.

Dieser Artikel wurde verfasst von Jens Secker

(Bildrechte: istockphoto.com/scyther5)

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