Mai 2, 2019 5:34 pm

KNV-Insolvenz: Die gesamte Buchbranche zittert mit

Mitte Februar meldete der Buchgroßhändler KNV am Amtsgericht Stuttgart Insolvenz an, da Gespräche mit einem Großinvestor geplatzt waren – ein Schock, den die Branche noch immer nicht richtig verdaut hat. Mittlerweile liegen die Gutachten von Insolvenzverwalter Tobias Wahl vor; am 1. Mai wurde das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet.

Die Hoffnung ist groß, dass sich für den Großhändler Koch, Neff und Volckmar ein neuer Geldgeber finden wird. Denn KNV ist für die Branche „systemrelevant“ – eine Beschreibung, die eher aus der Bankenwelt bekannt ist. Damit gemeint sind Finanzinstitute, die zu groß sind, um sie bankrott gehen zu lassen („too big to fail“). Eine Pleite hätte dann dramatische Folgen für das gesamte Wirtschaftssystem – im Falle von KNV würde sie den gesamten Buchmarkt bis in die Grundfesten erschüttern, wenn sich dieser neue Geldgeber nicht finden lässt.

KNV ist einer von drei großen Barsortimentern in Deutschland – neben Libri und Umbreit. Die Großhändler haben für den deutschen Buchmarkt eine ganz besondere Bedeutung: Sie kaufen den Verlagen ihre Bücher ab – und liefern sie innerhalb von 24 Stunden in jede angeschlossene Buchfiliale. Im großen KNV-Logistiklager in Erfurt liegen aktuell knapp 600.000 Artikel von mehr als 6.000 Verlagen. Mehr als 5.000 Buchhändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten ihre Bücher von dort.

Die Branche zeigt sich aktuell solidarisch mit KNV – sie hat aber auch gar keine andere Wahl. Denn wenn der Riese fällt, sind die Folgen dramatisch: Mit möglicherweise längeren Lieferzeiten würde der stationäre Buchhandel hinter dem großen E-Commercer Amazon zurückfallen, der Druckerzeugnisse in aller Regel von heute auf morgen liefert. Umsatzeinbußen in der ohnehin schon eher klammen Branche wären geradezu vorprogrammiert.

Auch für die Verlage hätte eine KNV-Pleite höchst unangenehme Folgen: Sie müssten auf eigene Faust neue oder zumindest zusätzliche Vertriebswege aufbauen – das ist zeit- und kostenintensiv. Denn die konkurrierenden Barsortimenter wären schlicht und ergreifend nicht in der Lage, das zusätzliche Volumen aufzufangen.

Umsätze von Weihnachten bleiben offen

So oder so wirkt sich die Insolvenz von KNV schon jetzt erheblich auf die Verlage aus. Denn KNV kauft die Bücher ebenso wie die anderen Barsortimenter oftmals mit dreimonatigem Zahlungsziel. Das bedeutet, dass viele Verlage wohl den Umsatz von drei Monaten abschreiben können. Darunter fallen auch Verkäufe aus dem lukrativen Weihnachtsgeschäft. Aus der Branche hört man bereits, dass kleinere Verlage teilweise bis zu 100.000 Euro verlieren könnten. Und ob der Insolvenzverwalter den Firmen zumindest noch eine kleine Quote auszahlen kann, steht aktuell in den Sternen.

Zuversicht verbreitet derweil der Börsenverein des deutschen Buchhandels: Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis meint, die Krise bei KNV habe zumindest nichts mit einem schwächelnden Buchmarkt zu tun. Ganz im Gegenteil: Der Branche ginge es aktuell gut. Aber stimmt das tatsächlich? Die aktuellen Zahlen und Fakten zum Buchmarkt sprechen eine ganz andere Sprache.

Buchhandel kämpft seit Jahren

Die Umsätze in der Branche sinken seit Jahren – nicht dramatisch, aber doch stetig. Besonders der stationäre Handel hat schon lange zu kämpfen: 2008 lag der Umsatz noch bei mehr als fünf Milliarden Euro; mittlerweile setzen die Buchhandlungen hierzulande nur noch rund vier Milliarden Euro um. Im gleichen Zeitraum stieg der Absatz im Versandbuchhandel inklusive Internet von 1,35 auf 1,84 Milliarden Euro.

Die Digitalisierung tritt auf der Stelle: E-Books spielen mit einem Umsatzanteil von etwa fünf Prozent bisher so gut wie keine Rolle. Und pikanterweise werden Online-Titel vorrangig von Amazon verkauft – dem erklärten Todfeind der Branche.

Immer weniger Käufer

Eines der Hauptprobleme ist, dass dem Buchmarkt über alle Altersgruppen hinweg schlicht und ergreifend die Käufer wegbrechen: 2012 griffen noch 37 Millionen Deutsche zu Buch oder E-Book; 2017 waren es rund acht Millionen Menschen weniger. Da hilft es auch nicht, dass die durchschnittlichen Ausgaben pro Käufer im gleichen Zeitraum um knapp zwanzig Euro deutlich gestiegen sind.

Lesen liegt laut einer 2017er Umfrage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels nur noch auf Rang 13 der Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen – weit abgeschlagen hinter Fernsehen oder dem Surfen im Internet. Besonders vom jüngeren Teil der Bevölkerung wird das Buch als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Denn die Rezeption verändert sich: Über eine digitale Oberfläche lässt sich ein Text bequem wegklicken, wenn Langeweile aufkommt – eine Möglichkeit, auf die viele nicht mehr verzichten können.

Kulturgut in Gefahr?

Im Sommer 2018 hatte Florian Illies im Nachrichtenmagazin Der Spiegel noch vollmundig erklärt, das Buch sei „unzerstörbar“. Ob der Chef des Rowohlt Verlags tatsächlich recht behält, wird wohl nur die Zukunft zeigen. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen steht zu befürchten, dass das Kulturgut „Buch“ über kurz oder lang doch zum Auslaufmodell wird.

Die Kolumne wurde zuerst auf Focus.de veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde verfasst von Peter Riedel

Peter RiedelVor seiner Tätigkeit bei Debitos war Peter Riedel bei der HETA Asset Resolution in Wien tätig. Zuvor arbeitete er bei Merrill Lynch und Hudson Advisors Germany GmbH.
In diesen beiden Positionen war er für das Asset Management, das Work-Out, sowie für den Verkauf von Real Estates und Non-Performing Loans verantwortlich. Ein weiterer Schritt in seinem Werdegang war die Beschäftigung bei PwC Frankfurt, wo er in der Corporate Finance Real Estate Abteilung beschäftigt war. Peter Riedel kann eine mehr als 15-jährige Berufserfahrung bei dem Verkauf von notleidenden Krediten, sowie im Work-Out Bereich vorweisen. Peter Riedel besitzt einen Abschluss in Rechtswissenschaften und ist zugelassener Anwalt.

Website:
https://www.debitos.com

(Bildrechte: istockphoto.com/clu)

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