Dezember 4, 2019 1:44 pm

Italiens Notenbankchef: „NPL-Anteil ist drastisch gesunken“

Minuszinsen seien auf lange Sicht kein probates Mittel. Ganz im Gegenteil: Laut Ignazio Visco haben sie bisher nicht zu einer lebhafteren Kreditnachfrage geführt, sondern haben sogar“möglicherweise schädliche Nebenwirkungen auf das Finanzsystem“. Der italienische Notenbankchef Spricht im Handelsblatt-Interview ausführlich über die Geldpolitik in Europa, die Rolle Italiens, faule Kredite und den Vorstoß von Bundesfinanzminister Olaf Scholz zur Einlagensicherung. Ignazio Visco…

…über die Finanzhilfen der EZB: „Niemand im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) arbeitet nur zum Nutzen eines einzelnen Landes. Was wir getan haben, war begründet durch die schlechte wirtschaftliche Entwicklung in der gesamten Euro-Zone. Die Schulden Italiens – oder irgendeines anderen Landes – waren nie Gegenstand der Diskussion. Als wir in der Finanzkrise Liquidität bereitgestellt haben, war das zum Nutzen aller. Das gilt auch für die deutschen Banken, die viele Probleme hatten und die Hilfe der Regierung benötigten – was in Italien nicht der Fall war. Damals bestand die Gefahr, dass die Euro-Zone zerbricht. Das war ein Risiko für die gesamte Region.“

…über die italienische Staatsverschuldung: „Abgesehen von Zinszahlungen sind in Italien die öffentlichen Ausgaben, auch die für soziale Zwecke, im Vergleich zu andere Eurostaaten durchschnittlich. Aber mit 3,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) im vergangenen Jahr waren unsere Zinskosten doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Das rührt von der hohen Schuldenlast der Vergangenheit her. Die Verschuldung in Prozent des BIP ist seit 2008 nicht wegen hoher Defizite von 100 auf 120 Prozent gewachsen – die lagen seit 2012 stets unter drei Prozent. Das Problem war das niedrige Wachstum – es lag im Schnitt bei minus zwei Prozent zwischen 2007 und 2018. Es ist entscheidend, das potenzielle und das reale Wachstum zu steigern.“

…über aktuelle Herausforderungen in Italien: „Kurzfristig müssen wir das Vertrauen der Investoren erhalten, damit der Risikoaufschlag (Spread) bei den Renditen unserer Staatsanleihen sinken kann. Das ist zu einem gewissen Grad schon passiert, aber nicht stark genug. Außerdem brauchen wir im Vergleich zu anderen europäischen Ländern einen etwas höheren Primärüberschuss, also Haushaltsüberschuss vor Zinszahlungen.“

…über den Beschluss der EZB, weiter Anleihenkäufe zu tätigen: „Es gibt einen Dissens, ob diese Schritte nötig waren. Ich glaube, sie waren es, und das sieht auch die Mehrheit des EZB-Rats so. Der wirtschaftliche Zyklus ist nicht günstig. Das Risiko einer Deflation, also fallender Preise, ist immer noch da. Ich mache mir Sorgen, dass die Inflationserwartungen den Halt verlieren. […] Aber es gibt unterschiedliche Meinungen. Manche glauben, die Zinsen könnten weiter sinken. Andere meinen, das sei nur möglich, wenn die Fähigkeit der Banken zur Kreditvergabe, und damit auch die Funktionsfähigkeit unserer Geldpolitik, nicht beschädigt wird. Wieder andere glauben, wir sollten einfach Geld drucken im Austausch für Wertpapiere, die wir kaufen.“

…über die Wirkung von Anleihekäufen und Minuszinsen: „Ich bevorzuge Anleihekäufe vor Minuszinsen. Negative Zinsen bewirken wenig und haben möglicherweise schädliche Nebenwirkungen auf das Finanzsystem. Die Wirkung von Anleihekäufen ist stärker und breiter gestreut.“

…über faule Kredite im Euro-Raum: „Ihr Anteil ist drastisch gesunken. Ohne Wertberichtigungen gerechnet sank der Anteil an allen Krediten von zehn Prozent im Jahr 2015 auf vier Prozent heute. Was den Anfall neuer NPLs angeht, sind wir wieder da, wo wir vor der Finanzkrise waren. Das Management dieser Kredite in den Banken und die Abwicklungsprozesse in den Gerichten sind besser geworden. Die kürzlich eingeführten Reformen haben die Funktion des ganzen Systems spürbar verbessert. Die Zeit bis zur Verwertung von Sicherheiten ist zum Beispiel um 40 Prozent verkürzt worden. Aber es bleibt eine Menge zu tun. In Deutschland kann ein fauler Kredit in einem Jahr abgewickelt werden, in Italien sind es immer noch fünf Jahre. Wir haben immer noch Probleme, aber andere Länder auch. Aus meiner Sicht sind die Risiken von NPLs in Italien und die von intransparenten, illiquiden Anlagen anderswo vergleichbar und verdienen dieselbe Aufmerksamkeit.“

…über den Vorschlag von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, den Plan einer gemeinsamen Einlagenversicherung (EDIS) in Europa voranzutreiben: „Es ist gut, dass Minister Scholz die Diskussion wiederbelebt. Sie ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Scholz zeigt damit, dass auch aus seiner Sicht die Bankenunion vollendet werden muss. Seine Art, EDIS zu definieren, ist aber problematisch. Das entspricht nicht meiner Definition eines sauberen Versicherungssystems mit voller Risikoteilung und demselben Schutz für alle Einleger in allen Banken. Das mag ein Endziel sein, aber man muss es sehr klar im Auge behalten. Liquiditätshilfen können nur ein Übergang dazu sein.“ Handelsblatt (Paywall)

 

Dieser Artikel wurde verfasst von Jens Secker

(Bildrechte: istockphoto.com/GoodLifeStudio)

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